"Ich verstehe das gar nicht. Eigentlich geht es mir gut."
Diesen Satz höre ich immer wieder.
Menschen erzählen von ihrem Alltag, ihrem Beruf, ihrer Familie. Von außen betrachtet wirkt vieles stabil. Es gibt keinen offensichtlichen Grund für die Erschöpfung, die sie spüren.
Und trotzdem fehlt etwas.
Nicht unbedingt Energie für einen Tag.
Sondern Energie für das eigene Leben.
Viele beschreiben es wie ein ständiges Grundrauschen. Eine Müdigkeit, die auch nach freien Tagen nicht ganz verschwindet. Eine Schwere, für die sie keine richtige Erklärung finden.
Deshalb suchen sie die Ursache oft dort, wo sie am sichtbarsten ist: bei der Arbeitsbelastung, den Terminen oder dem Stress.
Manchmal liegt die Ursache jedoch tiefer.
Die Müdigkeit, die kein Urlaub behebt
Es gibt eine Form von Erschöpfung, die nicht dadurch entsteht, dass wir zu viel tun.
Sondern dadurch, dass wir zu lange gegen etwas leben, das uns eigentlich wichtig ist.
Das passiert selten durch eine große Entscheidung.
Es passiert in kleinen Momenten.
Wenn wir Ja sagen, obwohl wir Nein meinen.
Wenn wir Dinge hinnehmen, die uns schon lange ärgern.
Wenn wir Erwartungen erfüllen, hinter denen wir selbst längst nicht mehr stehen.
Jeder einzelne Moment wirkt unbedeutend.
Doch irgendwann summieren sich diese kleinen inneren Widersprüche.
Und genau das kostet Energie.
Die Werte die gar nicht unsere sind
Fragt man Menschen nach ihren Werten, kommen oft ähnliche Antworten.
Verantwortung, Loyalität, Leistungsbereitschaft, Hilfsbereitschaft.
Alles wichtige Werte.
Doch manchmal lohnt sich eine unbequeme Frage: "Sind das wirklich meine Werte?"
Oder sind es Werte, die ich irgendwann übernommen habe?
Von den Eltern. Von der Gesellschaft. Von meinem Arbeitgeber. Von dem Bild, das ich davon habe, wie ein guter Mensch sein sollte.
Viele Menschen leben jahrelang nach Regeln, die sie nie bewusst gewählt haben.
Und genau deshalb merken sie oft nicht, das etwas nicht mehr passt.
Die stille Kunst der Anpassung
Anpassung hat einen erstaunlich guten Ruf.
Sie gilt als sozial. Als vernünftig. Als professionell.
Und natürlich braucht Zusammenleben ein gewisses Maß davon.
Problematisch wird es erst dann, wenn Anpassung zur Gewohnheit wird.
Wenn Menschen sich so oft zurücknehmen, dass sie irgendwann nicht mehr wissen, wo die Anpassung aufhört und sie selbst beginnen.
Dann entstehen Sätze wie: "So bin ich halt."
Ich bin halt jemand, der gern hilfsbereit ist. Ich bin halt jemand, der schwer Nein sagen kann. Ich bin halt jemand, der es allen recht machen möchte.
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht ist es aber auch nur ein Verhalten, das so oft wiederholt wurde, dass es inzwischen wie die eigene Persönlichkeit wirkt.
Das Wort, das fast alles verrät
Es gibt ein Wort, auf das ich in Gesprächen besonders achte.
Eigentlich.
"Eigentlich müsste ich etwas sagen."
"Eigentlich möchte ich das nicht."
"Eigentlich weiß ich längst, was zu tun wäre."
Dieses Wort ist oft erstaunlich ehrlich.
Denn hinter dem "eigentlich" steckt häufig ein Teil von uns, der längst verstanden hat, was nicht mehr stimmig ist.
Der Kopf argumentiert weiter. Das Leben läuft weiter.
Aber das "eigentlich" bleibt.
Und meldet sich immer wieder.
Der eigentliche Energieräuber
Viele glauben, schwierige Menschen rauben Energie. Konflikte rauben Energie. Veränderungen rauben Energie.
Das stimmt.
Doch häufig kostet etwas anderes deutlich mehr Kraft: Dauerhaft gegen die eigene innere Wahrheit zu leben.
Unser Inneres führt darüber erstaunlich genau Buch. Nicht laut. Nicht dramatisch.
Aber konsequent.
Jedes Mal, wenn wir etwas übergehen, das uns wichtig ist.
Jedes Mal, wenn wir eine Grenze missachten, die wir eigentlich spüren.
Jedes Mal, wenn wir jemand werden, um Erwartungen zu erfüllen.
Diese Reibung verbraucht Energie. Oft mehr, als wir denken.
Was Sie konkret verändern können
Die Lösung liegt selten darin, sofort das ganze Leben umzukrempeln.
Oft beginnt sie mit einer deutlich einfacheren Frage: Wo sage ich derzeit häufiger "eigentlich", als mir lieb ist?
Schreiben Sie sich diese Situationen eine Woche lang auf.
Nicht bewerten. Nur beobachten.
Sie werden wahrscheinlich ein Muster erkennen.
Und genau dort lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Denn große Veränderungen beginnen oft nicht mit mutigen Entscheidungen.
Sondern mit ehrlicher Wahrnehmung.
Ein Perspektivwechsel
Vielleicht sind Sie nicht erschöpft, weil Sie zu viel leisten.
Vielleicht sind Sie erschöpft, weil zu viel von dem, was Sie täglich tun, nicht mehr zu dem passt, was Ihnen wirklich wichtig ist.
Das ist keine schlechte Nachricht.
Denn was durch viele kleine Entscheidungen entstanden ist, kann auch durch viele kleine Entscheidungen wieder verändert werden.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Nicht jede Müdigkeit ist ein Zeichen dafür, dass wir weniger tun sollten.
Manche Müdigkeit ist ein Zeichen dafür, dass wir uns selbst zu oft übergehen.
Vielleicht brauchen wir dann nicht zuerst mehr Urlaub, mehr Zeit oder bessere Organisation.
Vielleicht brauchen wir den Mut, dem eigenen "eigentlich" wieder zuzuhören.
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland.
Mich fasziniert seit vielen Jahren, wie viel Energie Menschen zurückgewinnen, wenn sie aufhören, ständig Erwartungen zu erfüllen - und beginnen, wieder stärker nach ihren eigenen Werten zu leben.