"Ich sage den Leuten eben, was ich denke."
"Bei mir weiß jeder, woran er ist."
"Ich bin lieber ehrlich, als um den heißen Brei herumzureden."
Klingt zunächst nach einer Stärke. Nach Klarheit, Rückgrat und einer Kommunikation ohne unnötige Schleifen.
Und manchmal ist es genau das.
Manchmal versteckt sich hinter dem viel zitierten "Ich bin eben direkt" aber auch etwas anderes: die Erwartung, dass der andere schon damit zurechtkommen wird.
Dann wird aus Klartext schnell ein Freifahrtschein.
Denn nur weil etwas ehrlich gemeint ist, ist es noch lange nicht gut kommuniziert.
Direktheit ist noch keine Kommunikationskompetenz
Ich mag klare Worte. Gerade schwierige Themen werden selten besser, wenn wir sie sprachlich so lange weichzeichnen, bis niemand mehr weiß, worum es eigentlich geht.
Klarheit hat eine zweite Seite, die oft übersehen wird: ihre Wirkung.
Wer kommuniziert, trägt nicht nur Verantwortung dafür, was er sagt. Sondern auch dafür, wie er es sagt und ob das Gegenüber überhaupt etwas damit anfangen kan.
Das ist mehr als ein sprachliches Detail - es ist der Unterschied zwischen Luft ablassen und wirklich führen.
"Ihre Präsentationen sind einfach immer viel zu lang." ist direkt.
"Ihre fachlichen Inhalte sind gut. Gleichzeitig verlieren wir bei der Länge die Kernbotschaft. Für die nächste Präsentation möchte ich, dass Sie sich auf drei zentrale Aussagen konzentrieren." ist ebenfalls direkt. Nur kann der andere mit der zweiten Variante tatsächlich arbeiten.
Vorschlaghammer oder Skalpell?
Stellen Sie sich vor, Sie möchten etwas öffnen.
Mit einem Vorschlaghammer funktioniert das ziemlich zuverlässig. Danach ist offen.
Ein Skalpell kann ebenfalls etwas öffnen. Allerdings präzise, an der richtigen Stelle und mit deutlich weniger Schaden drumherum.
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen bloßer Direktheit und guter Kommunikation.
Beides kann deutlich sein.
Aber während der Vorschlaghammer vor allem beim Absender für schnelle Erleichterung sorgt, berücksichtigt das Skalpell auch, was nach dem Gespräch noch funktionieren soll.
Denn Kommunikation hat selten nur das Ziel, etwas endlich gesagt zu haben.
Sie soll etwas ermöglichen.
Die entscheidende Frage kommt nach dem Satz
Gerade in schwierigen Gesprächen konzentrieren wir uns häufig darauf, unsere Botschaft loszuwerden:
Das kann ich so nicht akzeptieren.
Das muss besser werden.
Damit bin ich nicht einverstanden.
Alles berechtigte Aussagen.
Nur beginnt gute Gesprächsführung an dieser Stelle erst.
Denn was soll Ihr Gegenüber anschließend wissen, verstehen oder anders machen?
Wenn Sie darauf keine Antwort haben, haben Sie möglicherweise Ihren Ärger ausgesprochen. Aber noch kein gutes Gespräch geführt.
Das ist für mich einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Klartext und Kommunikation:
Klartext beschreibt häufig das Problem. Gute Kommunikation macht den nächsten Schritt möglich.
"Aber ich kann doch nicht für die Gefühle anderer verantwortlich sein"
Nein.
Und das müssen Sie auch nicht.
Dieser Punkt ist mir wichtig, weil Wertschätzung schnell mit übertriebener Vorsicht verwechselt wird. Gute Kommunikation bedeutet nicht, jedes Wort so lange abzuwägen, bis garantiert niemand mehr irritiert oder verärgert sein könnte.
Das wäre weder realistisch noch hilfreich.
Sie sind nicht dafür verantwortlich, jede Reaktion Ihres Gegenübers zu verhindern.
Sie sind aber sehr wohl dafür verantwortlich, WIE sie Ihre Botschaft überbringen.
Das ist keine Wortklauberei. Es ist der Unterschied zwischen Verantwortung für die Gefühle eines anderen Menschen und Verantwortung für das eigene Kommunikationsverhalten.
Ein Satz mit großer Wirkung
Besonders interessant wird es, wenn Menschen auf Kritik an ihrer Kommunikation mit einem Satz reagieren wie: "So bin ich eben."
Darin steckt etwas sehr endgültiges.
Als wäre Direktheit eine Charaktereigenschaft, an der es nichts mehr zu überprüfen gäbe.
Dabei würde vermutlich niemand sagen: "Ich höre eben schlecht zu. So bin ich."
Oder: "Ich erkläre Dinge eben unverständlich. Damit müssen die anderen klarkommen."
Warum akzeptieren wir dieselbe Logik bei Direktheit so bereitwillig?
Vielleicht ist "Ich bin eben direkt" manchmal weniger Ausdruck besonderer Ehrlichkeit als eine ziemlich komfortable Möglichkeit, die eigene Wirkung nicht hinterfragen zu müssen.
Das kann unbequem sein - aber genau dort beginnt Entwicklung.
Drei Fragen, die aus Klartext gute Kommunikation machen
Bevor Sie ein schwieriges Thema ansprechen, müssen Sie keine komplizierte Gesprächstechnik auswendig lernen.
Drei Fragen reichen oft:
- - Was genau möchte ich ansprechen?
- Nicht: "Sie sind unzuverlässig."
- Sondern: Welches konkrete Verhalten meine ich.
- Was soll mein Gegenüber nach diesem Gespräch verstanden haben?
Wer nur Dampf ablassen möchte, braucht kein Mitarbeitergespräch. Wer Veränderung möchte, muss Orientierung geben.
- - Was kann mein Gegenüber mit meiner Aussage konkret tun?
- Das ist vielleicht die wichtigste Frage. Denn Feedback, das nur trifft, aber keine Richtung gibt, bleibt beim Problem stehen. Gutes Feedback darf unangenehm sein. Es sollte nur nicht nutzlos sein.
Kante zeigen und trotzdem wertschätzend bleiben
Wertschätzung bedeutet nicht, schwierige Botschaften hübscher zu verpacken, als sie sind.
Manchmal ist der wertschätzendste Satz im ganzen Gespräch ein sehr deutlicher.
Weil er ehrlich ist.
Weil er dem anderen die Chance gibt, etwas zu verstehen.
Und weil er nicht erst ausgesprochen wird, wenn aus einer Irritation längst ein großes Problem geworden ist.
Kante und Wertschätzung sind deshalb keine Gegensätze.
Im Gegenteil.
Die Kunst liegt darin, deutlich in der Sache zu sein, ohne den Menschen dabei unnötig klein zu machen.
Ein Perspektivwechsel
Vielleicht sollten wir nach einem schwierigen Gespräch weniger stolz darauf sein, dass wir "endlich einmal gesagt haben, was Sache ist."
Und uns stattdessen eine andere Frage stellen: Kann mein Gegenüber jetzt besser handeln als vor unserem Gespräch?
Wenn die Antwort Ja lautet, war Direktheit hilfreich.
Wenn die Antwort Nein lautet und lediglich zwei Menschen mit höherem Puls auseinandergehen, war es vielleicht Klartext.
Aber noch lange keine gute Kommunikation.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Direktheit ist kein Qualitätsmerkmal für Kommunikation.
Entscheidend ist nicht, wie unverblümt eine Botschaft ausgesprochen wurde, sondern ob sie beim Gegenüber so ankommt, dass darauf Verständnis und im besten Fall Veränderung entstehen können.
Sie müssen deshalb nicht weniger deutlich werden.
Vielleicht müssen Sie nur präziser werden.
Denn manchmal braucht ein Gespräch tatsächlich eine scharfe Kante.
Aber eben ein Skalpell und keinen Vorschlaghammer.
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland.
Mich fasziniert seit vielen Jahren, was sich verändert, wenn Menschen nicht nur darauf achten, was sie sagen, sondern auch darauf, was ihre Worte möglich machen.
In diesem Blog teilte ich genau diese Gedanken.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Sagen Sie ruhig, was Sache ist.
Aber überlassen Sie die Wirkung Ihrer Worte nicht dem Zufall.