Von außen betrachtet wirkt alles stimmig.
Die Position passt. Die Verantwortung ist gewachsen. Menschen vertrauen auf Entscheidungen. Erfolge sind sichtbar.
Und trotzdem sitzt da manchmal ein Gedanke, den viele Führungskräfte nur selten laut aussprechen: "Reicht das wirklich?"
Nicht am ersten Arbeitstag. Nicht in der neuen Rolle.
Sondern oft genau dann, wenn andere längst überzeugt sind.
Die große Überraschung
Viele Menschen glauben, Selbstzweifel verschwinden mit dem Erfolg.
Man müsse nur genug Erfahrung sammeln, ausreichend Wissen aufbauen oder die nächste Karrierestufe erreichen.
Dann werde dieses Gefühl schon verschwinden.
Interessanterweise passiert häufig das Gegenteil.
Mit jeder neuen Verantwortung wächst nicht nur der Handlungsspielraum.
Auch die Fallhöhe wächst.
Früher betraf eine falsche Entscheidung vielleicht die eigene Aufgabe.
Heute betrifft sie ein Team. Ein Projekt. Ein Unternehmen.
Und plötzlich wird aus Sicherheit etwas anderes: Bewusstsein.
Warum gerade gute Führungskräfte zweifeln
Ein Bergführer ist nicht deshalb aufmerksam, weil er den Weg nicht kennt.
Er ist aufmerksam, weil er weiß, was passieren kann.
Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied.
Menschen, die nie zweifeln, besitzen nicht automatisch mehr Sicherheit.
Manchmal besitzen sie schlicht weniger Bewusstsein für die Komplexität einer Situation.
Wer Verantwortung trägt, erkennt dagegen oft mehr Zusammenhänge, mehr Risiken und mehr Auswirkungen.
Und genau deshalb entstehen Fragen.
Nicht aus Schwäche.
Sondern aus Verantwortungsgefühl.
Die Falle der perfekten Fassade
Viele Führungskräfte versuchen, ihre Unsicherheit möglichst gut zu verstecken.
Schließlich erwarten andere Orientierung.
Also wird weitergemacht. Souverän. Kontrolliert. Kompetent.
Nach außen funktioniert das häufig hervorragend.
Nach innen entsteht jedoch oft ein anderer Effekt: Die Führungskraft steht mit ihren Gedanken allein da.
Denn während sie ihrem Team Sicherheit vermittelt, fehlt ihr selbst manchmal genau dieser Raum.
Der eigentliche Irrtum
Selbstzweifel werden oft als Gegner betrachtet.
Als etwas, das verschwinden muss.
Dabei erfüllen sie eine wichtige Funktion. Sie erinnern uns daran, dass Entscheidungen Folgen haben. Sie schützen vor Überheblichkeit. Und sie laden dazu ein, genauer hinzuschauen.
Problematisch werden Selbstzweifel erst dann, wenn sie anfangen, Entscheidungen zu verhindern.
Der Unterschied ist entscheidend.
Unsicherheit darf begleiten. Sie darf nur nicht steuern.
Ein Bild, das vieles erklärt
Stellen Sie sich einen Kapitän auf offener See vor.
Je komplexer die Route wird, desto seltener verlässt er sich ausschließlich auf die eigene Sicht. Er prüft Karten, holt Einschätzungen ein und bespricht sich mit seinem ersten Offizier. Nicht weil er unsicher ist. Sondern weil er weiß, dass Verantwortung bedeutet, möglichst wenig zu übersehen.
Warum bewerten wir dieses Verhalten bei Führungskräften oft anders?
Wer Entscheidungen hinterfragt, unterschiedliche Perspektiven einholt und die eigenen Gedanken prüft, zeigt nicht zwangsläufig Unsicherheit. Häufig zeigt er genau das Gegenteil: Verantwortungsbewusstsein.
Vielleicht sind Selbstzweifel manchmal nichts anderes als die geistige Form eines Navigationssystems.
Sie weisen auf etwas hin.
Sie sollen aber nicht das Steuer übernehmen.
Was Sie konkret tun können
Wenn Selbstzweifel auftauchen, versuchen Sie einmal etwas Ungewöhnliches.
Fragen Sie sich nicht: "Warum zweifle ich?"
Fragen Sie stattdessen: "Worauf weist mich dieser Zweifel gerade hin?"
Geht es um fehlende Informationen? Eine wichtige Entscheidung? Ein Gespräch, das längst geführt werden sollte?
Oft steckt hinter dem Zweifel eine konkrete Botschaft oder ein Gefühl.
Wer das erkennt, gewinnt Handlungsfähigkeit zurück.
Außerdem hilft eine zweite Frage: "Würde ich mit einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter genauso sprechen, wie ich gerade mit mir selbst spreche?"
Ein Perspektivwechsel
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie Sie Selbstzweifel loswerden.
Vielleicht sollten wir vielmehr fragen: Was wäre eigentlich, wenn Führungskräfte zweifeln würden?
Wäre das wirklich ein Zeichen von Stärke?
Oder eher ein Risiko?
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Erfolg schützt nicht vor Unsicherheit.
Und das muss er auch nicht.
Vielleicht besteht gute Führung nicht darin, niemals zu zweifeln.
Sondern darin, trotz Zweifel handlungsfähig zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Gedanken nicht mehr Macht zu geben als nötig.
Denn oft sind nicht Zweifel das Problem.
Sondern die Annahme, sie dürften nicht da sein.
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland.
Mich fasziniert, was passiert, wenn Menschen aufhören, gegen ihre Unsicherheiten zu kämpfen - und beginnen, sie als Teil ihrer Entwicklung zu verstehen.
In diesem Blog teile ich genau diese Gedanken.