"Das müsste er doch merken."
Hand aufs Herz: Wer hat diesen Satz noch nie gedacht?
Der Kollege müsste doch merken, dass er ständig dazwischenredet. Die Mitarbeiterin müsste doch wissen, dass man bei wichtigen Entscheidungen früher Bescheid gibt. Die Führungskraft müsste doch sehen, dass das Team längst an der Belastungsgrenze arbeitet.
Und privat wird es nicht besser.
"Nach so vielen Jahren müsste er doch wissen, was mir wichtig ist."
Ja. Wäre schön.
Nur leider sind Menschen erstaunlich schlecht darin, unsere Gedanken zu lesen.
Und genau daraus entstehen Konflikte, die eigentlich vermeidbar wären.
Wir erwarten Antworten auf Fragen, die wir nie gestellt haben
Stellen Sie sich vor, Sie schreiben eine Prüfung.
Sie setzen sich hin, bekommen die Aufgabe - und stellen fest: Den Stoff hat Ihnen vorher niemand erklärt.
Am Ende heißt es: "Das hätten Sie aber wissen müssen."
Ziemlich unfair.
Und trotzdem machen wir genau das miteinander erstaunlich häufig. Wir haben eine Vorstellung davon, wie sich jemand verhalten sollte. Wir beobachten, ob er es tut. Und wenn er es nicht tut, sind wir enttäuscht.
Nur eine Kleinigkeit haben wir ausgelassen: Wir haben ihm nie gesagt, was wir erwarten.
Wir verteilen also schlechte Noten für eine Prüfung, von der der andere nicht einmal wusste, dass er sie schreibt.
Das Tückische an Erwartungen
Das Problem ist: Die eigentlichen Erwartungen fühlen sich selten wie Erwartungen an. Sie fühlen sich selbstverständlich an.
Wenn ich sehe, dass jemand Unterstützung braucht, helfe ich. Also gehe ich davon aus, dass andere das ebenfalls tun.
Wenn mir ein Projekt wichtig ist, frage ich von selbst nach. Also wundere ich mich, wenn ein Mitarbeiter das nicht macht.
Wenn ich jemanden mag, melde ich mich regelmäßig. Also interpretiere ich Schweigen möglicherweise als Desinteresse.
Wir schließen von uns auf andere - und merken es häufig nicht einmal.
Was für mich selbstverständlich ist, muss für mein Gegenüber noch lange nicht selbstverständlich sein.
Dieser eine Gedanke kann viele Gespräche verändern.
Aus einer Beobachtung wird plötzlich ein Urteil
Besonders spannend wird es, wenn eine Erwartung mehrfach enttäuscht wird.
Nehmen wir eine Führungskraft, die sich von einem Mitarbeiter mehr Eigeninitiative wünscht.
Beim ersten Mal übernimmt sie selbst.
Beim zweiten Mal denkt sie: "Das hätte er wirklich selbst lösen können."
Beim dritten Mal ärgert er sich.
Und irgendwann steht innerlich fest: "Er denkt einfach nicht mit."
Das Problem? Der Mitarbeiter weiß von dieser Entwicklung nichts.
Für ihn waren es vielleicht drei ganz normale Situationen. Für seine Führungskraft waren es drei Beweise dafür, dass er zu wenig Eigeninitiative zeigt.
Aus einzelnen Situationen ist ein Urteil über einen Menschen geworden.
Und genau hier lohnt es sich, sehr aufmerksam zu werden.
Denn zwischen "Er hat in dieser Situation nicht selbst entschieden" und "Er ist unselbständig" liegt ein großer Unterschied.
Das eine beschreibt Verhalten. Das andere bewertet einen Menschen.
Gedankenlesen wird im Unternehmen teuer
Was im Privaten zu Enttäuschungen führt, verursacht in Unternehmen ganz konkrete Reibungsverluste.
Mitarbeitende wissen nicht genau, was von ihnen erwartet wird. Führungskräfte ärgern sich darüber, dass Erwartungen nicht erfüllt werden. Aufgaben werden mehrfach bearbeitet, Entscheidungen zurückgespielt und Gespräche viel zu spät geführt.
Irgendwann sitzt man im Mitarbeitergespräch.
Die Führungskraft sagt: "Ich wünsche mir schon seit Monaten mehr Eigeninitiative von Ihnen."
Und der Mitarbeiter denkt: "Seit Monaten? Warum höre ich das heute zum ersten Mal?"
Für die Führungskraft ist das Problem alt. Für den Mitarbeiter beginnt es gerade erst.
Das ist keine gute Ausgangslage für Veränderung.
Warum wird trotzdem so gern hoffen, dass andere es "von selbst" merken
Nun wäre die Lösung einfach: aussprechen, was man erwartet.
Und trotzdem tun wir genau das häufig nicht.
Warum?
Wenn ich sage: "Mir ist wichtig, bei solchen Entscheidungen früher einbezogen zu werden", mache ich deutlich, was ich brauche.
Damit gebe ich meinem Gegenüber aber auch die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Vielleicht sieht er die Situation anders. Vielleicht müssen wir darüber sprechen. Vielleicht bekomme ich sogar ein Nein.
"Das müsste er doch merken" erspart mir dieses Gespräch zunächst.
Nur leider nicht die Enttäuschung danach.
Machen Sie aus Gedanken Erwartungen - und aus Erwartungen Vereinbarungen
Hier liegt für mich einer der wichtigsten Unterschiede guter Kommunikation: Eine Erwartung existiert zunächst nur in meinem Kopf. Eine Vereinbarung kennen beide.
Und genau deshalb lohnt es sich, konkret zu werden.
"Ich wünsche mir mehr Eigeninitiative" klingt eindeutig.
Ist es aber nicht.
Was bedeutet "mehr"?
Soll der Mitarbeiter Entscheidungen selbst treffen? Früher informieren? Mit einem Lösungsvorschlag kommen, statt nur ein Problem zu melden?
Sagen Sie es. Zum Beispiel: "Wenn bei diesem Projekt ein Problem auftaucht, überlegen Sie bitte zunächst selbst, welche zwei Möglichkeiten wir haben. Dann kommen Sie mit Ihrer Empfehlung zu mir."
Jetzt weiß der andere, was Sie unter Eigeninitiative verstehen.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist Führung.
Ein einfacher Check für den nächsten Ärger
Wenn Sie sich das nächste Mal über jemanden ärgern, versuchen Sie nicht sofort herauszufinden, warum der andere sich so verhält.
Prüfen Sie zuerst sich selbst.
Habe ich ausgesprochen, was mir wichtig ist?
Habe ich konkret gesagt, was ich mir wünsche?
Oder habe ich gehofft, der andere würde es schon merken?
Diese drei Fragen können unangenehm sein. Vor allem dann, wenn man gerade ziemlich sicher war, dass das Problem beim anderen liegt.
Aber genau deshalb sind sie so wertvoll.
Und nein, wir müssen nicht alles erklären
Natürlich gibt es Dinge, die man voraussetzen darf.
Wir müssen unser Zusammenleben nicht in eine Gebrauchsanweisung verwandeln und jede zwischenmenschliche Freiheit vertraglich festhalten. Darum geht es nicht.
Aber ich würde eine andere Regel vorschlagen: Je wichtiger Ihnen etwas ist, desto weniger sollten Sie darauf hoffen, dass der andere es errät.
Wenn Sie wirklich enttäuscht wären, wenn etwas nicht passiert, ist es wahrscheinlich wichtig genug, darüber zu sprechen.
Das gilt für gute Führung.
Für Teams.
Und genauso für Beziehungen, Freundschaften und Familien.
Ein Perspektivwechsel
Vielleicht denken Sie beim nächsten Mal nicht sofort: "Das müsste er doch merken".
Sondern fragen sich: "Woher sollte er es wissen?"
Manchmal lautet die Antwort: "Ich habe es ihm klar gesagt."
Dann können wir über sein Verhalten sprechen.
Manchmal lautet die Antwort aber auch: "Naja ... eigentlich habe ich es nie wirklich ausgesprochen."
Und plötzlich sieht derselbe Konflikt ein wenig anders aus.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Wir dürfen Erwartungen an andere Menschen haben.
Aber wir sollten ihnen eine faire Chance geben, diese Erwartungen überhaupt zu kennen.
Denn viele Enttäuschungen entstehen nicht, weil Menschen bewusst gegen unsere Wünsche handeln.
Sondern weil wir etwas für selbstverständlich gehalten haben, das für den anderen niemals ausgesprochen wurde.
Bevor Sie also das nächste Mal eine schlechte Note verteilen, prüfen Sie kurz: Hat der andere den Prüfungsstoff überhaupt bekommen?
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland.
Mich fasziniert seit vielen Jahren, wie schnell sich festgefahrene Situationen verändern können, wenn Menschen aufhören zu vermuten und anfangen, miteinander zu sprechen.
In diesem Blog teile ich genau diese Gedanken.