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"Mach doch einfach ..." Warum ein guter Rat manchmal genau das Falsche ist

01.11.2026 | Doris Marx-Ruhland | Kommunikationskompetenz
"Mach doch einfach ..." Warum ein guter Rat manchmal genau das Falsche ist

"Ich weiß gerade wirklich nicht, wie ich das schaffen soll."

Und schon liegt er auf der Zunge: 

"Dann mach doch einfach ..."

Wir meinen es gut. Wirklich.

Jemand hat ein Problem und wir haben eine Idee. Also helfen wir. 

Nur gibt es dabei einen kleinen Haken:

Vielleicht wollte der andere gerade noch gar keine Lösung. Vielleicht wollte er erst einmal erzählen. 

Und während wir gedanklich schon reparieren, haben wir möglicherweise noch gar nicht verstanden, was eigentlich kaputt ist. 

Wir sind erstaunlich schnell mit Lösungen

Eine Mitarbeiterin erzählt ihrer Führungskraft, dass sie mit einem Projekt nicht weiterkommt. 

Noch bevor sie richtig erklärt hat, woran es liegt, hört sie: "Dann holen Sie doch Herrn Müller dazu." 

Problem gelöst?

Vielleicht. 

Vielleicht wollte die Mitarbeiterin aber gar keine zusätzliche Unterstützung. Vielleicht fehlt ihr eine Entscheidung. Vielleicht gibt es Schwierigkeiten mit Herrn Müller, von denen die Führungskraft nichts weiß. 

Oder sie hatte selbst bereits eine Idee und wollte sie gerade erklären. 

Sie kommt nur nicht mehr dazu. Der Rat war schneller als das Verständnis. 

Das passiert ständig. Im Beruf genauso wie zu Hause. 

Warum wir so gern Ratschläge geben

Weil es sich nach Helfen anfühlt. 

Da ist ein Problem. Wir haben eine mögliche Lösung. Also legen wir beides zusammen. 

Sehr effizient. 

Nur sind Gespräche keine kaputten Toaster.

Menschen erzählen uns Dinge aus ganz unterschiedlichen Gründen. 

Manchmal suchen sie tatsächlich eine Lösung. Manchmal möchten sie ihre Gedanken sortieren. Und manchmal wollen sie schlicht hören: "Ja, das klingt gerade wirklich schwierig." 

Das Interessante ist: Wir fragen selten danach. 

Wir entscheiden einfach selbst, welche Art von Hilfe der andere gerade braucht. 

Und nennen das Hilfsbereitschaft. 

Ein guter Rat kann trotzdem ein schlechter Rat sein

Stellen Sie sich vor, jemand erzählt Ihnen von einem Konflikt mit einer Kollegin. 

Nach einer Minute sagen Sie: "Ich würde das sofort ansprechen."

Vielleicht ist das sogar ein vernünftiger Rat. 

Aber was wissen Sie nach einer Minute? Kennen Sie die Vorgeschichte? Wissen Sie, was bereits versucht wurde? Wissen Sie, wovor Ihr Gegenüber eigentlich Sorge hat?

Vielleicht lautet das Problem gar nicht: "Soll ich mit ihr sprechen?" 

Sondern: "Wie spreche ich mit ihr, ohne dass die Situation noch schlimmer wird?"

Das ist ein völlig anderes Gespräch. 

Wer zu schnell eine Lösung anbietet, beantwortet deshalb manchmal eine Frage, die nie gestellt wurde. 

Besonders Führungskräfte sollten das aushalten können

Eine Mitarbeiterin kommt mit einem Problem ins Büro. 

Für eine erfahrene Führungskraft ist die Lösung vielleicht nach wenigen Sätzen offensichtlich. 

Und genau hier wird es interessant. 

Denn nur weil Sie die Antwort kennen, heißt das nicht, dass Sie sie sofort geben müssen. 

Fragen Sie stattdessen: "Was haben Sie sich bisher dazu überlegt?"

Plötzlich muss die Mitarbeiterin selbst denken. 

Vielleicht kommt eine gute Idee. Vielleicht sogar Ihre. 

Der Unterschied ist entscheidend: Sie hat die Lösung nicht geliefert bekommen. Sie hat sie selbst entwickelt. 

Wer jede Frage sofort beantwortet, hilft heute vielleicht schneller. Aber er sorgt möglicherweise dafür, dass morgen wieder dieselbe Frage auf seinem Schreibtisch landet. 

Gute Führung bedeutet deshalb manchmal, die eigene Antwort noch ein paar Minuten für sich zu behalten. 

Und privat manchen wir es auch nicht besser

"Ich hatte heute einen furchtbaren Tag." 

"Dann musst du dich von der Arbeit eben mehr abgrenzen." 

Danke. Jetzt geht es bestimmt gleich viel besser. 

Natürlich steckt dahinter meistens keine böse Absicht. Im Gegenteil. 

Wir möchten, dass es dem anderen besser geht. Und ein Problem ohne Lösung auszuhalten, ist gar nicht so leicht.

Also versuchen wir, es möglichst schnell kleiner zu machen. 

Manchmal machen wir dabei allerdings nichts das Problem kleiner. 

Sondern das Gespräch.

Denn ein vorschneller Rat kann beim anderen ankommen wie: "So schwierig ist das doch gar nicht." 

Oder: "Die Lösung liegt doch auf der Hand."

Obwohl wir genau das sie sagen wollten.

Eine Frage kann das ganze Gespräch verändern

Bevor Sie beim nächsten Mal einen Rat geben, probieren Sie etwas sehr Einfaches: "Möchtest du gerade meine Einschätzung oder soll ich erst einmal zuhören?"

Im beruflichen Kontext vielleicht:  "Möchten Sie meine Idee dazu höre oder wollen wir erst einmal gemeinsam anschauen, wo genau das Problem liegt?"

Diese Frage dauert wenige Sekunden. Aber sie verändert die Rollen. 

Sie müssen nicht mehr erraten, welche Unterstützung gebraucht wird. 

Und ihr Gegenüber muss nicht höflich einen Rat entgegennehmen, den er gar nicht wollte. 

Manchmal lautet die Antwort tatsächlich: "Sag mir bitte, was du machen würdest." 

Wunderbar. Dann ist Ihr Rat willkommen. 

Zuhören heißt nicht, untätig zu sein

Vielleicht ist das unser eigentliches Missverständnis. 

Wenn jemand ein Problem erzählt und wir nur zuhören, haben wir schnell das Gefühl, nichts getan zu haben.

Dabei kann gutes Zuhören sehr aktiv sein. Nachfragen. Etwas stehen lassen. Nicht sofort bewerten. Dem anderen Zeit geben, seinen eigenen Gedanken zu Ende zu denken. 

Das fühlt sich weniger spektakulär an als eine brillante Lösung. 

Kann aber sehr viel hilfreicher sein. 

Denn manchmal braucht ein Mensch keinen klugen Satz von uns. 

Er braucht ein Gespräch, in dem er selbst auf seinen klugen Satz kommt. 

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Wenn jemand Ihnen ein Problem erzählt, müssen Sie es nicht sofort übernehmen. 

Und Sie müssen es auch nicht sofort lösen.

Fragen Sie sich stattdessen: Braucht dieser Mensch gerade wirklich meinen Rat oder halte ich es nur schlecht aus, dass es noch keine Lösung gibt?

Die Antwort könnte unangenehm sein. 

Aber genau darin steckt etwas Wertvolles.

Denn gute Gespräche erkennt man nicht daran, wie schnell wir eine Antwort parat haben. 

Manchmal erkennt man sie daran, dass wir unsere Antwort noch einen Moment zurückhalten können. 

Über Doris Marx-Ruhland

Ich bin Doris Marx-Ruhland. 

Mich fasziniert, wie viel sich in Gesprächen verändert, wenn wir nicht sofort versuchen, die richtige Antwort zu finden, sondern erst einmal verstehen wollen, was unser Gegenüber wirklich braucht. 

In diesem Blog teile ich genau diese Gedanken. 

Vielleicht ist ihr bester Rat beim nächsten Mal also gar kein Rat. Sondern eine gute Frage. 

Doris Marx-Ruhland

Autorin

Doris Marx-Ruhland

Doris Marx-Ruhland ist Coach, Trainerin und Sparringspartnerin für Führungskräfte und Menschen, die ihren eigenen Weg bewusster gestalten möchten. Mit ihrer langjährigen Erfahrung in Personalentwicklung, Coaching und Organisationsarbeit begleitet sie Menschen dabei, Klarheit zu gewinnen, schwierige Situationen einzuordnen und neue Perspektiven zu entwickeln. Ihr Ansatz verbindet fachliche Kompetenz mit ehrlicher Reflexion, wertschätzender Kommunikation und einem klaren Blick auf das Wesentliche. Was sie antreibt: Menschen zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen – für ihre Führung, ihre Entscheidungen und für sich selbst.

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