Wenn etwas schiefläuft, werden wir plötzlich sehr genau.
"Du hast mich vorhin zweimal unterbrochen."
"Bei der Präsentation waren die Zahlen nicht verständlich."
"Sie hätten den Kunden früher informieren müssen."
Wir können ziemlich präzise benennen, was jemand anders machen sollte.
Und wenn etwas richtig gut läuft?
"Super gemacht."
"Tolles Gespräch."
"Danke für deinen Einsatz."
Nett.
Aber eigentlich ein bisschen schade.
Denn damit erfährt der andere zwar, dass etwas gut war. Aber nicht, was. Und genau diese Information wäre vielleicht viel wertvoller.
Fehler bekommen eine Lupe. Stärken bekommen ein Schulterklopfen.
Stellen sie sich eine Mitarbeiterin vor, die ein schwieriges Kundengespräch führt.
Der Kunde ist verärgert. Die Stimmung ist angespannt.
Die Mitarbeiterin lässt ihn zunächst ausreden. Dann greift sie genau den Punkt auf, um den es ihm eigentlich geht. Sie rechtfertigt sich nicht. Am Ende ist das Problem noch nicht vollständig gelöst, aber das Gespräch ist wieder auf einer vernünftigen Ebene.
Danach sagt die Führungskraft: "Gut gemacht."
Was nimmt die Mitarbeiterin daraus mit?
Vermutlich nicht besonders viel.
Dabei hätte die Führungskraft etwas viel Wertvolleres sagen können: "Mir ist aufgefallen, dass Sie sich nicht sofort verteidigt haben. Genau dadurch ist der Kunde ruhiger geworden."
Jetzt weiß die Mitarbeiterin, was funktioniert hat.
Und sie kann es beim nächsten Mal wieder einsetzen.
Das ist mehr als ein Kompliment. Das ist Lernen.
Wir korrigieren Menschen genauer, als wir sie bestärken
Das finde ich im Arbeitsalltag immer wieder spannend. Wenn etwas nicht funktioniert, analysieren wir. Was ist passiert? Wo lag der Fehler? Was machen wir beim nächsten Mal anders?
Wenn etwas funktioniert, gehen wir weiter. Erledigt. Nächstes Thema.
Damit beschäftigen wir uns intensiv mit dem, was Menschen nicht wiederholen sollen.
Vielleicht sollten wir genau das öfter umdrehen.
Nicht nur: Was können wir aus Fehlern lernen?
Sondern auch: Was können wir aus dem lernen, was richtig gut gelaufen ist?
Das gilt übrigens nicht nur im Beruf
Vielleicht kennen Sie jemanden, bei dem Sie sich nach einem Gespräch fast immer besser fühlen. Oder einen Menschen, der es schafft, dass Sie sich in einer neuen Runde schneller wohlfühlen. Vielleicht gibt es jemanden, der genau im richtigen Moment anruft. Der Sie zum Lachen bringt, wenn Ihnen eigentlich gar nicht danach ist.
Wir genießen diese Wirkung. Aber sagen wir dem Menschen auch, dass er sie hat?
Oft nicht.
Vielleicht sagen wir: "War schön mit dir." Das stimmt natürlich.
Aber stellen Sie sich vor, jemand würde stattdessen zu Ihnen sagen: "Weißt du eigentlich, dass ich nach Gesprächen mit dir oft klarer sehe? Du sagst mir nicht, was ich machen soll. Aber du stellst meistens genau die Frage, die mir gefehlt hat."
So einen Satz vergisst man nicht nach fünf Minuten.
Warum?
Weil man darin plötzlich etwas über sich selbst erfährt.
Andere sehen Seiten an uns, die wir selbst kaum bemerken
Das ist vielleicht der schönste Teil daran.
Manche unserer besten Eigenschaften fühlen sich für uns völlig unspektakulär an. Eben weil sie uns leichtfallen.
Sie bringen Menschen zusammen? "Das ergibt sich halt."
Sie können komplizierte Dinge verständlich erklären? "Das ist doch nichts Besonderes."
Menschen vertrauen Ihnen schnell? "Keine Ahnung, warum."
Was für uns selbstverständlich ist, kann für andere eine echte Stärke sein.
Nur können wir unsere eigene Wirkung schlecht beobachten. Wir stehen schließlich mittendrin.
Manchmal brauchen wir jemanden von außen, der sagt: "Das, was du da gerade gemacht hast, kannst du richtig gut."
Machen Sie es einmal anders
Ich möchte Ihnen deshalb keine Liste mit zehn Regeln für bessere Komplimente geben.
Nur eine kleine Aufgabe: Wenn Ihnen in den nächsten Tagen etwas Positives an einem Menschen auffällt, sagen Sie nicht nur: "Das war gut."
Hängen Sie einen Satz an: "Was ich daran besonders gut fand, war ..."
Oder: "Wissen Sie, was Sie damit gerade bewirkt haben?"
Und dann werden Sie konkret.
Vielleicht: "Als es vorhin hektisch wurde, sind Sie ruhig geblieben. Ich habe gemerkt, wie sich dadurch auch die anderen wieder sortiert haben."
Oder ganz privat: "Ich mag, dass du dich noch an Kleinigkeiten erinnerst, die ich dir irgendwann erzählt habe. Bei dir habe ich deshalb das Gefühl, dass du wirklich zuhörst."
Das kostet vielleicht 20 Sekunden.
Aber der andere nimmt möglicherweise etwas mit, das ihm selbst noch nie aufgefallen ist.
Und jetzt drehen Sie das Ganze einmal um
Welche positive Dinge hören Sie immer wieder über sich?
Nicht das große Lob. Die kleinen Sätze.
"Mit dir kann man gut reden."
"Du behältst immer den Überblick."
"Du schaffst es irgendwie, dass ich mich traue."
Wir reagieren darauf gerne mit: "Ach, Quatsch."
Vielleicht sollten wir damit aufhören. Denn wenn verschiedene Menschen Ihnen über Jahre etwas Ähnliches sagen, ist das möglicherweise kein Zufall.
Es könnte eine Stärke sein, die Sie selbst unterschätzen, gerade weil sie sich für Sie so normal anfühlt.
Also: Welches Kompliment bekommen Sie immer wieder? Und was wäre, wenn Sie es diesmal nicht wegwischen, sondern ernst nehmen?
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Wir müssen Menschen sagen, wenn etwas nicht funktioniert.
Aber Entwicklung entsteht nicht nur dadurch, dass wir Fehler sichtbar machen.
Menschen sollten auch wissen, was sie richtig gut machen.
Nicht, damit sie sich für fünf Minuten besser fühlen. Sondern damit sie verstehen, was sie können und welche Wirkung sie auf andere haben.
Vielleicht gibt es gerade jemanden in Ihrem Umfeld, bei dem Sie etwas schon lange schätzen. Dann machen Sie heute etwas Ungewöhnliches: Behalten Sie es nicht für sich. Und sagen Sie nicht nur: "Du bist toll." Sagen Sie ihm, warum.
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland.
Mich interessiert, was Menschen wachsen lässt und was gute Zusammenarbeit wirklich ausmacht. Oft sind es keine großen Methoden, sondern kleine Momente, in denen wir genauer hinschauen.
In diesem Blog teile ich genau diese Gedanken.
Denn manchmal sehen andere etwas Gutes in uns, lange bevor wir selbst es erkennen.