Konflikte haben einen schlechten Ruf.
Sobald das Wort fällt, wird es in vielen Unternehmen unruhig. Man versucht, sie zu vermeiden, zu entschärfen oder möglichst schnell zu beenden. Harmonie gilt als Zeichen für ein funktionierendes Team.
Das klingt zunächst vernünftig.
Und ist doch oft ein Irrtum.
Denn die meisten Probleme entstehen nicht durch Konflikte.
Sie entstehen durch nicht geführte Konflikte.
Die stille Variante des Konflikts
Viele Konflikte beginnen erstaunlich unspektakulär.
Eine Bemerkung im Meeting.
Ein Tonfall, der irritiert.
Eine Entscheidung, die man innerlich nicht nachvollziehen kann.
Nichts Dramatisches.
Zumindest zunächst.
Doch statt nachzufragen oder das Thema offen anzusprechen, passiert häufig etwas anderes: Man sagt nichts. Man denkt sich seinen Teil. Und arbeitet weiter.
Der Konflikt verschwindet damit jedoch nicht.
Er wechselt nur den Ort.
Aus dem Gespräch wandert er in die Gedanken.
Und dort beginnt er zu wachsen.
Was Konflikte wirklich gefährlich macht
Konflikte eskalieren selten wegen eines einzelnen Ereignisses.
Sie eskalieren, weil Menschen beginnen, Interpretationen zu sammeln.
„Der meint das bestimmt persönlich.“
„Die ignoriert meine Arbeit.“
„Mit ihm kann man sowieso nicht reden.“
Aus einzelnen Situationen entsteht eine Geschichte.
Und irgendwann fühlt sich diese Geschichte wie eine Tatsache an.
Das Problem: Niemand hat sie je überprüft.
Der teuerste Fehler in der Kommunikation
Viele Menschen vermeiden Konflikte, weil sie glauben, damit Ruhe zu bewahren.
In Wirklichkeit passiert oft das Gegenteil.
Nicht angesprochene Spannungen erzeugen Unsicherheit.
Unsicherheit erzeugt Distanz.
Und Distanz zerstört Vertrauen.
Ungeklärte Konflikte und die daraus entstehenden Reibungsverluste kosten Unternehmen zudem jeden Tag Zeit, Energie und letztlich auch viel Geld – und genau das wird häufig unterschätzt.
Was als kleine Irritation begonnen hat, wird mit der Zeit zu einem echten Problem.
Nicht, weil der Konflikt so groß war.
Sondern weil er nie geführt wurde.
Der Perspektivwechsel
Vielleicht lohnt sich deshalb eine ungewohnte Sichtweise:
Konflikte sind nicht das Zeichen eines Problems.
Oft sind sie das Zeichen von Engagement.
Menschen, denen etwas egal ist, geraten selten in Konflikte.
Sie ziehen sich zurück.
Konflikte entstehen meist dort, wo Menschen unterschiedliche Sichtweisen haben – und beide Seiten das Gefühl haben, dass etwas wichtig ist.
Richtig geführt, können Konflikte deshalb etwas bewirken, das ohne sie kaum möglich wäre: Klarheit.
Drei Fragen, bevor ein Konflikt eskaliert
Wenn Sie merken, dass eine Situation Sie beschäftigt, können drei einfache Fragen helfen:
- Was genau habe ich beobachtet – ohne Interpretation?
- Was hat diese Situation bei mir ausgelöst?
- Wie geht es wohl meinem Gegenüber mit der Situation?
- Was möchte ich eigentlich klären?
Allein diese Unterscheidung verändert oft schon die Dynamik eines Gesprächs.
Denn Konflikte entstehen selten durch unterschiedliche Interessen.
Sie entstehen meist durch unausgesprochene Annahmen und Erwartungen.
Der eigentliche Mut
Konflikte zu führen bedeutet nicht, laut zu werden.
Es bedeutet, bereit zu sein, Dinge anzusprechen, bevor sie sich festsetzen.
Nicht immer angenehm.
Aber häufig klärend.
Denn eines zeigt sich immer wieder:
Die meisten Konflikte verlieren einen großen Teil ihrer Schärfe, sobald Menschen beginnen, offen miteinander zu sprechen.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Vielleicht ist die entscheidende Frage bei Konflikten nicht:
„Wie vermeide ich sie?“
Sondern:
„Was wird möglich, wenn wir beginnen, sie ehrlich zu führen?“
Denn manchmal entsteht genau dort, wo es kurz unbequem wird, der Moment, in dem Zusammenarbeit wirklich beginnt.
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland.
Mich fasziniert, was möglich wird, wenn Menschen ihre Rolle bewusster sehen, klarer kommunizieren und mutiger entscheiden.
In diesem Blog teile ich genau diese Gedanken.
Ein Gedanke zum Mitnehmen:
Nicht der Konflikt entscheidet über die Zukunft eines Teams.
Sondern die Art, wie wir mit ihm umgehen.