Viele Führungskräfte tragen einen stillen Anspruch mit sich.
Sie wollen es richtig machen. In Gesprächen. In Entscheidungen. Im Umgang mit Menschen.
Das wirkt zunächst verantwortungsvoll. Und wird doch erstaunlich oft zum Problem.
Denn Führung wird nicht dadurch wirksam, dass alles möglichst fehlerfrei läuft. Sondern dadurch, dass überhaupt etwas in Bewegung kommt.
Der unterschätzte Druck, alles richtig zu machen
In vielen Köpfen existiert ein Bild von guter Führung: überlegt, souverän, klar - und möglichst fehlerfrei.
Ein Bild, das Sicherheit verspricht. Und gleichzeitig lähmt.
Denn wer diesen Anspruch ernst nimmt, beginnt vorsichtiger zu werden. Gespräche werden gedanklich vorbereitet, Formulierungen mehrfach überprüft, Entscheidungen noch einmal vertagt - nur um sicherzugehen.
Nach außen wirkt das reflektiert. Im Alltag führt es jedoch oft zu Verzögerung.
Nicht, weil die Führungskraft unsicher ist. Sondern weil sie es besonders gut machen will.
Wenn "richtig" plötzlich zu spät ist
Ich erinnere mich an eine Führungskraft, die ein wichtiges Gespräch über Wochen vor sich hergeschoben hat.
Nicht aus Bequemlichkeit. Sondern aus Anspruch.
Sie wollte den richtigen Ton treffen. Die passenden Worte finden. Dem Mitarbeiter gerecht werden.
Als das Gespräch schließlich stattfand, war die Situation längst eine andere. Der Mitarbeiter hatte sich innerlich bereits zurückgezogen, das Thema war emotional aufgeladen, und das Gespräch musste erst einmal aufräumen, was vorher nie geklärt wurde.
Der Anspruch, es richtig zu machen, hatte verhindert, es rechtzeitig zu machen.
Führung ist kein Einzelprojekt
Ein weiterer Irrtum hält sich erstaunlich hartknäckig: Dass Führung bedeutet, selbst die richtige Lösung zu finden.
Viele Führungskräfte versuchen genau das. Sie denken vor, wägen ab, entscheiden - und präsentieren dann ein Ergebnis.
Was dabei oft übersehen wird: Führung wird nicht dadurch stärker, dass eine Person alles richtig entscheidet. Sondern dadurch, dass mehrere Perspektiven einbezogen werden.
Denn in dem Moment, in dem Menschen beteiligt werden, passiert etwas Entscheidendes: Verständnis entsteht. Mitdenken beginnt. Und Verantwortung verteilt sich.
Nicht, weil alles perfekt geklärt ist. Sondern weil Menschen Teil der Lösung werden.
Was im Team wirklich ankommt
Mitarbeitende erwarten keine perfekte Führungskraft.
Sie erwarten, dass Dinge angesprochen werden. Dass Entscheidungen getroffen werden. Und dass sie gehört werden.
Eine Führungskraft, die sagt: "Ich habe noch keine fertige Antwort - lassen Sie uns gemeinsam draufschauen" wirkt oft klarer als jemand, der lange schweigt, um dann eine perfekte Lösung zu präsentieren.
Nicht, weil sie mehr weiß. Sondern weil sie den Prozess öffnet.
Und genau das schafft Orientierung.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Vielleicht liegt der Unterschied nicht darin, wie gut eine Entscheidung ist.
Sondern darin, wie sie entsteht.
Wird sie im Stillen getroffen - und später verkündet? Oder entsteht sie im Dialog?
Denn Führung bedeutet nicht, immer die beste Antwort zu haben. Sondern die richtigen Fragen zu stellen - und andere einzubinden.
Das verändert Gespräche. Und oft auch die Qualität der Ergebnisse.
Warum das Mut braucht
Einzubinden bedeutet auch, Kontrolle ein Stück weit abzugeben. Nicht alles vorwegzunehmen. Nicht jede Antwort selbst zu liefern.
Das kann irritierend sein. Gerade dann, wenn man gelernt hat, dass Führung vor allem Sicherheit geben soll.
Doch in der Praxis zeigt sich: Sicherheit entsteht nicht nur durch fertige Lösungen. Sondern durch nachvollziehbare Prozesse.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Kompetent führen heißt nicht, alles allein zu entscheiden oder immer die richtige Antwort zu haben.
Kompetent führen heißt, Verantwortung zu übernehmen - und andere so einzubinden, dass aus verschiedenen Perspektiven tragfähige Lösungen entstehen.
Denn oft ist nicht die perfekte Entscheidung entscheidend. Sondern der Weg dorthin.
Über Doris Marx-Ruhland
Ich bin Doris Marx-Ruhland. Mich fasziniert, was möglich wird, wenn Menschen ihre Rolle bewusster sehen, klarer kommunizieren und mutiger entscheiden. In diesem Blog teilte ich genau diese Gedanken.